V.v.V.
Verneigung vor Valentin

Regie und Komposition: Ruedi Häusermann
Bühne: Ruedi Häusermann und Christel Wein
Kostüme: Barbara Meyer
Musik:
Anna-Lisa DeRossi (Klavier), Marc Unternährer (Tuba), Lucas Roessler (Fagott), Thomas Meier (Klarinette, Trompete)
Dramaturgie: Judith Gerstenberg
Regieassistenz: Isabel Dorn
Video: Ariane Andereggen
Schauspiel mit:
Ariane Andereggen, Iris Erdmann, Johanna Bantzer, Klaus Brömmelmeier, Thomas Douglas, Chantal LeMoing, Edmund Telgenkamp, Herwig Ursin


Philmli: Schwitzen beim Tanzen
Zur Probebühne

"...Nicht zum ersten Mal verneigt sich der Klanggeschichtenfeinmotoriker Ruedi Häusermann vor der grossen Kleinkunst des hingebungsvollen Scheiterns. Man darf sich sein Verhältnis zum Misslingen als ein erotisches vorstellen. Und manchmal erweist es sich als durchaus gewinnträchtig. 1999 erhielt er für seine Basler Produktion «Das Beste aus: Menschliches Versagen (Folge I) den Bayerischen Theaterpreis, die höchstdotierte deutsche Theaterauszeichnung. Peter Bichsel, Robert Walser und Adolf Wölfli waren in den letzten Jahren die Stofflieferanten für seine helvetisch durchtränkten Theaterinstallationen. Und so scheint es nicht ganz zufällig, wenn er mit seinem am Theater Basel uraufgeführten Stück «V.v.V. - Verneigung vor Valentin diesmal beim bayrischen Urkomiker und Antipathetiker Karl Valentin landet. Zwischen Leicht- und Unsinn Genauer: in seinem Fundus - mit unzähligen Kostümen und Requisiten, Perücken und Projektoren (Bühne: Christel Wein / Ruedi Häusermann; Kostüme: Barbara Maier). Dunkel ist's. Und so kann's gleich losgehen mit Valentins Philosophiererei, warum man im Finstern überhaupt etwas hören kann. «Das ist lustig, gell, diese Hörerei!, knarzt's aus dem Zappendustern, und wir purzeln mit gespitztem Ohr und Aug von Ding zu Unding, von Leicht- zu Tiefsinn und zurück. Wie weiland Charlie Chaplin mit seinem Liegestuhl exerzieren vier Paare mit Tisch, Tuch und Akrobatik das fröhliche Tischleindeckdichnicht. Und wenn das Ding schliesslich doch einmal steht, spielen die Männer mit Schirm, Charme und Vase Billard. Die Mannschaftsaufstellung der begnadeten Verhinderer und Verstolperer: Ariane Andereggen, Johanna Bantzer, Klaus Brömmelmeier, Thomas Douglas, Iris Erdmann, Chantal Le Moign, Edmund Telgenkamp, Herwig Ursin - unterstützt und angetrieben von der musikalischen Viererkette mit Annalisa Derossi (Klavier), Thomas Küng (Klarinette und Trompete), Lucas A.Rössner (Fagott) und Marc Unternährer (rinnende Tuba). Und gerade als das Ensemble glockenrein und vor Wehmut schmelzend sein «Schön ist die Jugendzeit, sie kommt nicht mehr intoniert, klingelt im Publikum ein Handy. Die nicht mehr ganz junge Dame wühlt eine halbe Ewigkeit in ihrer Tasche, bekommt das Ding endlich in den Griff, stellt es aber nicht ab, sondern beginnt frisch-fröhlich mitten in der Vorstellung ein Gespräch, und da denkt man natürlich zuerst an einen Regieeinfall - schliesslich musste sich Valentins Kunst auch im Rauch und Lärm von Münchens Singspielhallen durchsetzen. Der gutwillige Dechiffrieransatz erweist sich schnell als real-absurder Reinfall. Denn die Dame weiss schlicht nicht, was sie tut. Im Fussball bekommen solche Hooligans ab sofort Stadionverbot. Wir aber sitzen ja im Theater und träumen den Traum von der Erziehung des Menschengeschlechts, und der geht - nicht nur bei Valentin - seine graziös-kuriosen Wege gelegentlich über das Scheitern..."

Alfred Schlienger

NZZ VVV Kritik 17. Mai 2005, Neue Zürcher Zeitung Miniaturen der Vergeblichkeit


Premiere: 13.05.2005 Schauspielhaus Theater Basel
Photo: Sebastian Hoppe